Vitrine 8
Foto: Marius Quiblier
Foto: Samira Gollin
In der Vitrine liegen Stapel verschlossener Briefe mit dem Vermerk «retourniert» / திரும்பியது. Daneben liegt ein Brief aus dem Jahr 2010. Während der Schulzeit schreibe ich fiktive Briefe an fiktive Familienmitglieder in Sri Lanka. Im Rahmen des Tamilischlernens zeigt mir meine Mutter, wie ich über mich erzähle und Fragen an ein Gegenüber formuliere. Die Briefe erhalten erfundene Adressen und werden nicht abgeschickt. Die Vorstellung des Fiktiven reicht dabei über den Brief hinaus und lässt sich auf den Ort der Heimat ausdehnen. Mein diasporischer Blick entwirft eine Heimat, die auf Erzählungen, Erfahrungen und Fotografien beruht. Dieser Blick bleibt unsicher und kritisch und bemüht sich zugleich, das Vertrauen in ein schönes, schwereloses Bild von Heimat nicht zu verlieren. In den kommenden Monaten befasse ich mich mit dieser Fiktion, denn im Sommer reise ich zum ersten Mal nach Sri Lanka. In meinem Tagebuch schreibe ich Briefe an mich selbst aus der Zukunft. Darin halte ich meine gegenwärtige Freude und Neugier auf die Reise fest und frage mich, wie ich mich nach meiner Rückkehr fühlen werde. Ich werde Räume betreten, die für meine Eltern ein Zuhause waren, bevor sie flüchteten. Welches Verhältnis trage ich zu einem Zuhause? Was prägt Heimaten?
Die retournierten Briefe verweisen auf ein Nichtankommen von Nachrichten. Sie bleiben aufgrund falscher oder fehlender Adressen unerreicht, aber auch durch Weggehen, Deplatzierung oder das Verschwinden von Menschen.